Die Legende von Bodhidharma

Die Legende von Bodhidharma

Die Entstehung des Kung Fu

Eine der bekanntesten Überlieferungen über die Entstehung des Kung Fu führt zurück in das China des 5. oder 6. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht der buddhistische Mönch Bodhidharma, der in China unter dem Namen Damo – häufig auch Tamo geschrieben – bekannt wurde.

Der Legende nach war Bodhidharma der Sohn eines südindischen Königs. Er verzichtete auf sein höfisches Leben, wurde buddhistischer Mönch und machte sich auf den langen Weg nach China, um dort die Lehre des Buddhismus zu verbreiten. Historisch gilt er vor allem als bedeutende Gestalt in der Entstehung des chinesischen Chan-Buddhismus, aus dem sich später in Japan der Zen-Buddhismus entwickelte. Die Einzelheiten seiner Herkunft und seiner Reise wurden jedoch erst in späteren Jahrhunderten ausgeschmückt und lassen sich heute nicht mehr sicher rekonstruieren.

Die Reise zum Shaolin-Kloster

Nach einer bekannten Erzählung traf Bodhidharma zunächst auf Kaiser Wu aus der Liang-Dynastie. Der Kaiser berichtete ihm von den Tempeln, Klöstern und religiösen Werken, die er hatte errichten lassen, und fragte, welchen geistigen Verdienst er sich dadurch erworben habe. Bodhidharma soll geantwortet haben, dass äußerliche Leistungen allein keinen wahren Verdienst hervorbrächten. Da der Kaiser seine Lehre nicht verstand, setzte Bodhidharma seine Reise nach Norden fort.

Schließlich gelangte er zum Berg Songshan in der heutigen Provinz Henan, wo sich das Shaolin-Kloster befand. In späteren Darstellungen wird erzählt, er habe auf einem einzelnen Schilfrohr den Jangtse überquert. Dieses Bild gehört zu den bekanntesten symbolischen Darstellungen Bodhidharmas, ist jedoch Teil der Legendenbildung und kein historisch belegtes Ereignis.

Neun Jahre vor der Felswand

In der Nähe des Klosters soll sich Bodhidharma in eine Höhle zurückgezogen und dort neun Jahre lang mit dem Gesicht zu einer Felswand meditiert haben. Dadurch erhielt er in der Überlieferung den Beinamen des „wandbetrachtenden Brahmanen“. Die Geschichte seiner langjährigen Meditation erscheint bereits in frühen Chan-Traditionen, wurde im Laufe der Jahrhunderte jedoch immer weiter ausgeschmückt.

Als Bodhidharma anschließend die Mönche des Shaolin-Klosters unterrichtete, soll er festgestellt haben, dass viele von ihnen körperlich zu schwach waren, um lange und konzentriert zu meditieren. Ihr Alltag bestand nach der Legende überwiegend aus Studium, Gebet und stiller Meditation. Es fehlte ihnen an Kraft, Ausdauer und körperlicher Stabilität.

Bodhidharma erkannte demnach, dass geistige Entwicklung und körperliche Gesundheit nicht voneinander getrennt werden können. Um die Mönche zu kräftigen, vermittelte er ihnen Atem-, Dehnungs- und Bewegungsübungen. In verschiedenen Kung-Fu-Traditionen werden diese Übungen mit den „18 Händen der Luohan“ sowie dem später als Yi Jin Jing bezeichneten „Klassiker der Muskel- und Sehnenwandlung“ in Verbindung gebracht.

Die Bewegungen sollten den Körper stärken, die Beweglichkeit verbessern, den Kreislauf anregen und die Konzentrationsfähigkeit erhöhen. Zugleich verbanden sie bewusst ausgeführte Bewegungen mit Atmung und geistiger Sammlung. Aus diesen zunächst gesundheitlich und meditativ ausgerichteten Übungen sollen die Mönche im Laufe der Generationen wirkungsvolle Methoden zur Selbstverteidigung entwickelt haben.

Von den Gesundheitsübungen zur Kampfkunst

Der Überlieferung zufolge verbanden die Shaolin-Mönche Bodhidharmas Übungen mit bereits bekannten chinesischen Kampf-, Ring- und Waffentechniken. Die Bewegungen wurden erweitert, praktisch erprobt und an die Bedürfnisse des Klosters angepasst.

Da Klöster häufig über Land, Vorräte und wertvolle religiöse Schriften verfügten, mussten sie sich gegen Räuber und bewaffnete Angreifer schützen können. Aus Körperübungen, militärischen Erfahrungen, traditionellen Waffenmethoden und klösterlicher Disziplin soll so nach und nach das entstanden sein, was heute als Shaolin Kung Fu bezeichnet wird.

Die Legende beschreibt Kung Fu daher nicht lediglich als eine Sammlung von Kampftechniken. Sie erzählt von der Verbindung zwischen:

  • körperlicher Kraft und geistiger Klarheit,
  • Bewegung und Meditation,
  • Selbstverteidigung und Selbstbeherrschung,
  • Ausdauer, Disziplin und persönlicher Entwicklung.

Gerade darin liegt die bis heute wirkende Aussage dieser Erzählung: Ein starker Geist benötigt einen gesunden und geschulten Körper – und körperliche Fähigkeiten sollten stets von Verantwortungsbewusstsein und innerer Haltung begleitet werden.

Legende und historische Wirklichkeit

Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht gilt Bodhidharma nicht als historisch belegter Begründer des Kung Fu. Chinesische Kampfpraktiken, militärische Ausbildung, Ringtechniken und der Umgang mit Waffen bestanden bereits lange vor seiner vermuteten Ankunft in China. Die Entwicklung der chinesischen Kampfkünste war ein jahrhundertelanger Prozess, an dem Soldaten, Leibwächter, Volksgruppen, Familien, religiöse Gemeinschaften und zahlreiche regionale Schulen beteiligt waren.

Auch frühe Quellen über Bodhidharma erwähnen nicht, dass er die Shaolin-Mönche im Kämpfen unterrichtet habe. Seine Verbindung zum Shaolin-Kloster und zum Chan-Buddhismus entwickelte sich zunächst innerhalb religiöser Überlieferungen. Die Behauptung, er habe die Shaolin-Kampfkünste begründet, lässt sich dagegen erst wesentlich später nachweisen.

Eine wichtige Rolle spielte dabei das Yi Jin Jing. Der Text wurde Bodhidharma zugeschrieben, stammt nach heutiger Forschung jedoch aus dem 17. Jahrhundert. Durch diese nachträgliche Zuschreibung verbreitete sich die Vorstellung, Bodhidharma habe den Mönchen körperliche Übungen vermittelt, aus denen später das Shaolin Kung Fu hervorgegangen sei. Besonders im 19. und 20. Jahrhundert wurde diese Geschichte durch Romane, populäre Darstellungen und schließlich durch Kung-Fu-Filme weltweit bekannt.

Historisch belegt ist hingegen, dass Shaolin-Mönche spätestens während der Tang-Dynastie an bewaffneten Auseinandersetzungen beteiligt waren. Eine 728 errichtete Stele erinnert an die Unterstützung, die Mönche des Klosters dem späteren Kaiser Li Shimin zu Beginn des 7. Jahrhunderts leisteten. Umfangreiche Belege für eine ausgeprägte Shaolin-Kampftradition stammen vor allem aus der Ming-Zeit, als die Mönche insbesondere für ihre Fähigkeiten im Stockkampf bekannt waren.

Die Bedeutung der Legende

Auch wenn die Geschichte von Bodhidharma nicht als gesicherter historischer Bericht verstanden werden darf, besitzt sie bis heute einen hohen symbolischen Wert. Sie bringt einen Grundgedanken der chinesischen Kampfkunst auf besonders anschauliche Weise zum Ausdruck:

Körper und Geist bilden eine Einheit.

Technik allein macht noch kein Kung Fu. Erst durch regelmäßiges Training, Geduld, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, an sich selbst zu arbeiten, entsteht eine wirkliche Fähigkeit. In diesem Sinne verkörpert die Bodhidharma-Legende genau das, was der Begriff Kung Fu ursprünglich bedeutet: eine durch Zeit, Ausdauer und hingebungsvolle Arbeit erworbene Meisterschaft.

Bodhidharma war deshalb wahrscheinlich nicht der Erfinder des Kung Fu. Seine Legende wurde jedoch zu einem kraftvollen Sinnbild für die Verbindung von Kampfkunst, Meditation, Disziplin und persönlicher Entwicklung – Werte, die auch im modernen Kung Fu und im Wun Hop Kuen Do weiterhin von zentraler Bedeutung sind.

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